Große Auszeichnung für einen prägenden Kulturschaffenden der Region
Große Anerkennung für einen prägenden Literaten der Region: Pitt Elben ist mit dem Förderpreis Kunst und Kultur der Stadt Bad Kreuznach in der Sparte Literatur ausgezeichnet worden. Im Radiotalk „Nahe Dran“ auf Antenne Bad Kreuznach spricht der Autor über seinen Weg vom Schülerzeitungs-Reporter zum Romanautor, über sein Buch „Zaunkönigszeit“ und über sein generationsübergreifendes Projekt, die Erinnerungswerkstatt. Fast 30 Jahre hat Elben in Bad Kreuznach gelebt – nun steht ein Umzug an. Die Nahe-Region bleibt für ihn dennoch Heimat.
Interview:
ANTENNE: Guten Morgen, Herr Elben. Bevor wir über den Preis, Ihre Erinnerungswerkstatt und Ihren Roman „Zaunkönigszeit“ sprechen: Wie und wann sind Sie eigentlich zum Schreiben gekommen?
Pitt Elben: Ich kann das nicht mehr ganz genau datieren. Ich bin Jahrgang 1953 und war 1969 als Schüler in Koblenz bei einer Schülerzeitung dabei. Das war die Zeit der Studentenunruhen, da schwappte einiges rüber. Ich habe kleine Reportagen geschrieben. 1970 hatte ich die Gelegenheit, Udo Jürgens in Koblenz zu interviewen – eher zufällig, über einen Hotelkontakt. Das war natürlich ein besonderes Erlebnis.
Danach kamen weitere Reportagen, später Gedichte. Ich hatte sogar das Glück, mit einer Funkerzählung über meine Zeit am Bau im Radio zu erscheinen. Das war meine erste veröffentlichte Erzählung. Später, im Studium und im Beruf als Pädagoge, trat das Schreiben etwas in den Hintergrund. Erst im Ruhestand habe ich mir den Traum erfüllt, einen Roman zu schreiben.
ANTENNE: Sie leben seit vielen Jahren in Bad Kreuznach. Was verbinden Sie mit der Stadt?
Pitt Elben: Es ist ein Stück Heimat geworden. Fast 30 Jahre habe ich hier gelebt – länger als irgendwo sonst in meinem Leben. Die Nahe, die Landschaft, viele Freundschaften, Initiativen. In einer überschaubaren Stadt kann man Projekte anstoßen und findet Menschen, die mitmachen. Das schätze ich sehr. Auch wenn ich die Stadt bald verlasse, ist mir die Region ans Herz gewachsen. Ich schreibe Freunden oft: „Grüße von der fernen Nahe“ oder „in die nahe Ferne“. Das ist doppeldeutig – nah und doch fern.
„Zaunkönigszeit“: Die 60er-Jahre im Blick
ANTENNE: Ihr Roman „Zaunkönigszeit“ spielt Mitte der 60er-Jahre. Warum diese Zeit?
Pitt Elben: Das war meine Jugend. Der Roman spielt von Mitte 1965 bis Mitte 1966. Oft wird so getan, als habe sich erst 1968 alles verändert. Ich glaube, schon vorher war vieles am Gären – auch auf dem Land, in Schulen und in der Kirche. Man versteht das Leben oft erst rückwärts. Mir war wichtig zu zeigen, dass die 60er-Jahre nicht nur konservativ und „miefig“ waren. Es gab schon viele Anzeichen von Aufbruch. Das wollte ich festhalten – als ein Stück Zeitgeschichte.
ANTENNE: Wie viel Pitt Elben steckt in dem Buch?
Pitt Elben: Es ist kein autobiografischer, sondern ein autofiktionaler Roman. In keiner Figur stecke ich komplett, aber natürlich ist vieles von meinen eigenen Erfahrungen eingeflossen. Es geht um eine Gruppe von vier Jungen, die im Roman „Marsmenschen“ heißen. Das war unsere Zeit, unsere ersten Schritte in eine sich verändernde Welt.
Erinnerungswerkstatt: 100 Worte als Zeitreise
ANTENNE: Neben dem Roman haben Sie die Erinnerungswerkstatt ins Leben gerufen. Was steckt dahinter?
Pitt Elben: Die Idee entstand nach einer Lesung. Ich habe Menschen eingeladen, ihre eigenen Erinnerungen aufzuschreiben – maximal 100 Worte. Und plötzlich kamen viele Texte zusammen. Ich habe gemerkt: Die Menschen haben das Bedürfnis, ihre Geschichte zu erzählen. Mittlerweile sind rund 70 Autorinnen und Autoren beteiligt. Die Texte handeln von Fernsehern, von Soleiern in Dorfkneipen oder vom ersten Käfer. Jede Geschichte dauert nur anderthalb bis zwei Minuten Lesezeit, aber sie öffnet ein Fenster in die Vergangenheit.
ANTENNE: Warum diese Begrenzung auf 100 Worte?
Pitt Elben: Die Kürze zwingt zur Konzentration. Es ist wie eine kleine Zeitreise. Wenn man durch die Ausstellung geht, kann man in kurzer Zeit viele Lebenswelten entdecken. Auch die Enkelgeneration kann so verstehen, wie Oma oder Opa gelebt haben.
Förderpreis als besondere Anerkennung
ANTENNE: Sie sind für Ihre Arbeit mit dem Förderpreis Kunst und Kultur der Stadt Bad Kreuznach ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen das?
Pitt Elben: Ich werde übermorgen 73. Da ist so ein Preis etwas Besonderes. Ich habe nicht damit gerechnet. Es waren Freunde bei der Verleihung, Menschen, die mich vorgeschlagen haben. Das war eine schöne Atmosphäre. Ich bin schon ein Stück stolz auf diese Ehrung.
ANTENNE: Bei der Preisverleihung waren auch Schülerinnen und Schüler dabei, die sich mit dem Nationalsozialismus und Auschwitz beschäftigt haben. Sie ermutigen junge Menschen ebenfalls zum Schreiben. Warum ist das wichtig?
Pitt Elben: Gerade in Zeiten von KI ist es wichtig, selbst zu schreiben. Wenn man eigene Gedanken formuliert, wenn man empathisch nachempfindet, was Menschen erlebt haben – etwa auch in unserer Region während der NS-Zeit –, dann versteht man Geschichte viel intensiver. Eigene Geschichten aufzuschreiben, schützt vor Oberflächlichkeit und vor dem bloßen Übernehmen. Das gilt für die 60er-Jahre genauso wie für andere Themen.
ANTENNE: Sie suchen weiterhin Beiträge für die Erinnerungswerkstatt?
Pitt Elben: Ja. Ich freue mich über jede neue Geschichte. Es ist wie ein Dachboden voller Fotoalben. Da schlummert noch viel Potenzial. Wer eine kleine, vielleicht humorvolle Erinnerung aus seiner Kindheit oder Jugend aufschreiben möchte, ist herzlich eingeladen.
Abschied von der Nahe
ANTENNE: Nun steht für Sie ein Umzug nach Trier an. Fällt der Abschied schwer?
Pitt Elben: Die Familie meiner Frau lebt in Trier. Nach dem Tod meines Vaters haben wir uns entschlossen, dorthin zu ziehen – auch, weil wir dort eine altersgerechte Wohnung beziehen können. Vielleicht bietet das sogar neue Chancen. Man könnte die Erinnerungswerkstatt auch auf Luxemburg oder Lothringen ausweiten. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Aber meine Geschichten bleiben – auch hier in der Nahe-Region.
ANTENNE: Herr Elben, vielen Dank für das Gespräch.
Pitt Elben: Herzlichen Dank.
Das ganze Interview zum Nachhören gibt es im Podcast „NaheDran“ auf Antenne Bad Kreuznach.