MAINZ. Zürich, Frankfurt, München, Stuttgart oder Brüssel: In der Liste der bisherigen „Opernhäuser des Jahres“ stehen einige der großen europäischen Bühnen. Jetzt gehört auch Mainz dazu. Das Staatstheater Mainz ist für die Spielzeit 2025/26 zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt worden – und das mit deutlichem Vorsprung.
Die Auszeichnung ist für Mainz außergewöhnlich. Denn anders als viele frühere Preisträger ist das Staatstheater kein großes reines Opernhaus, sondern ein vergleichsweise kleines Mehrspartenhaus. Musiktheater, Schauspiel und Tanz teilen sich hier Bühne, Personal und Ressourcen.
Kritiker stimmen über Europas Opernhäuser ab
Vergeben wird der Titel im Rahmen der jährlichen Kritikerumfrage des Fachmagazins „Opernwelt“. 40 internationale Kritikerinnen und Kritiker haben in diesem Jahr abgestimmt. Mainz setzte sich dabei nach Angaben des Verlags mit deutlichem Vorsprung durch. Wie bemerkenswert das ist, zeigt ein Blick auf die vergangenen Jahre. 2025 ging der Titel an das Opernhaus Zürich. Davor hatte die Oper Frankfurt die Auszeichnung drei Jahre hintereinander gewonnen. Nun rückt Mainz in diese Reihe auf. Opernwelt-Chefredakteur Jürgen Otten spricht vom „Wunder von Mainz“.
Politischer Spielplan überzeugte die Kritiker
Entscheidend war offenbar nicht eine einzelne Inszenierung. Gewürdigt wurde die gesamte Musiktheatersaison 2025/26. Sie stand unter dem Brecht-Motto „Denn wovon lebt der Mensch“. Auf dem Spielplan standen unter anderem Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“, Viktor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“ und Julia Kerrs „Der Chronoplan“. Hinzu kamen Produktionen wie „Breaking the Waves“ von Missy Mazzoli und Verdis „Falstaff“. Gerade der politische und gesellschaftliche Anspruch der Spielzeit spielte bei der Würdigung eine wichtige Rolle. Mehrere Werke von jüdischen Komponisten des 20. Jahrhunderts wurden bewusst in den Mittelpunkt gerückt.
Intendant Markus Müller sieht darin ein wichtiges Signal. Bemerkenswert sei, dass gerade eine Saison ausgezeichnet werde, deren Opernspielplan einen klaren politischen Anspruch formuliert habe. Gleichzeitig seien die teilweise komplexen Stoffe beim Mainzer Publikum auf große Nachfrage gestoßen.
Auszeichnung trotz begrenzter finanzieller Möglichkeiten
Der Erfolg bekommt auch vor dem finanziellen Hintergrund des Hauses besonderes Gewicht. Für die ausgezeichnete Spielzeit 2025/26 konnte der Wirtschaftsplan trotz erhöhter Zuschüsse von Stadt und Land nur durch eine Entnahme von rund 1,014 Millionen Euro aus den Rücklagen ausgeglichen werden. Allein die Personalkosten waren für diese Spielzeit mit rund 32,75 Millionen Euro angesetzt. Mainz konkurriert damit künstlerisch mit Häusern, die teilweise über deutlich größere Strukturen verfügen. Auch Müller selbst verweist auf diesen Unterschied. Im Vergleich zu vielen früher ausgezeichneten Häusern sei Mainz wesentlich kleiner und verfüge über weniger Mittel.
Müller dankt dem gesamten Theater
Der Intendant bezeichnete die Auszeichnung als überwältigend. Den Erfolg schreibt er ausdrücklich nicht allein dem Opernensemble zu. Sein Dank gelte auch den Beschäftigten in Werkstätten, Technik, Betriebsbüro und Kommunikation. Namentlich hob Müller Opernchefdramaturgin Sonja Westerbeck, den Leiter des Opernbetriebs und Castingdirektor Michael Nelle sowie Generalmusikdirektor Gabriel Venzago hervor. Auch das Land Rheinland-Pfalz reagierte auf die Auszeichnung. Kulturminister Sven Teuber erklärte, das Staatstheater werde damit zu einem Botschafter des Landes, der weit über Rheinland-Pfalz hinausstrahle.
Für Mainz ist der Titel vor allem eine Bestätigung dafür, dass internationale Aufmerksamkeit im Musiktheater nicht allein eine Frage der Größe ist. In der Spielzeit 2025/26 hat das vergleichsweise kleine Mehrspartenhaus die Kritiker mit seinem Programm offenbar stärker überzeugt als viele der großen Namen der europäischen Opernwelt.
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