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100 Jahre Radiogeschichte: Gründer des Radiomuseums Nordpfalz im Interview

100 Jahre Radiogeschichte: Gründer des Radiomuseums Nordpfalz im Interview
Quelle: Rhein Nahe Direkt

100 Jahre Radiogeschichte

Zum Welttag des Radios war Hermann Nagel im Radiotalk „Nahe Dran“ auf Antenne Bad Kreuznach zu Gast. Der Gründer des Radiomuseums Nordpfalz in Obermoschel sammelt und repariert seit Jahrzehnten historische Radiotechnik. Seine Ausstellung reicht von Detektorempfängern aus den 1920er-Jahren bis zu Geräten der 1970er-Jahre. Im Gespräch erklärt er, warum Radio bis heute begeistert – und warum ein Museumsbesuch mehr ist als nur Technikschau.

Interview:

Das Radio als ständiger Begleiter

ANTENNE: Am Freitag war der Welttag des Radios. Warum verdient das Radio einen eigenen Feiertag?

Hermann Nagel: Weil das Radio etwas ganz Besonderes ist. Ich kann es im Auto hören, beim Einschlafen, eigentlich überall. Man braucht die Augen nicht. Es funktioniert im Flugzeug, zu Hause, unterwegs. Radio begeistert – und das seit über 100 Jahren.

Von Detektorempfängern und Röhren

ANTENNE: Wenn Sie sehen, wie sich das Radio in einem Jahrhundert verändert hat – was geht Ihnen da durch den Kopf?

Hermann Nagel: Das war eine verrückte Zeit. Am Anfang gab es Detektorempfänger. Bastler haben Spulen gewickelt, Antennen gespannt und mit Kopfhörern gehört. Heute würde man sagen: Das war technisch kaum etwas. Aber die Menschen waren begeistert. Später kamen Gemeinschaftsempfänger, dann die Zeit des Wirtschaftswunders. Radio war immer dabei – bei positiven wie bei negativen Entwicklungen.

ANTENNE: Wie wichtig ist Radio heute noch?

Hermann Nagel: Für mich ist es ganz wichtig. Ich schaue kaum Fernsehen, ich höre Radio. Und ich kann es auch ausschalten. In der Ruhe liegt die Kraft. Wenn ich repariere, brauche ich Konzentration. Das Radio ist ein Begleiter – aber kein Zwang.

ANTENNE: Heißt das, im Museum dudeln nicht überall gleichzeitig Geräte?

Hermann Nagel: Nein. Wenn man ins Radiomuseum kommt, dudelt meist nichts. Das Gespräch ist bei uns die Nummer eins.

Reparieren statt wegwerfen

ANTENNE: Sie reparieren viele alte Geräte. Was treibt Sie an?

Hermann Nagel: Ich habe Kfz-Schlosser gelernt und die Meisterprüfung gemacht. Früher habe ich Fehler an Fahrzeugen gesucht. Heute suche ich Fehler in Röhrenradios. Jedes Gerät hat seine Eigenheiten. Wenn ich ein Radio repariere und es funktioniert wieder, ist das eine Genugtuung. Und es gibt mehr Menschen mit alten Röhrenradios, als man denkt. Viele bekommen sie von den Großeltern oder kaufen eines und bringen es zu mir.

ANTENNE: Aus welchem Umkreis kommen die Besucher?

Hermann Nagel: Nicht nur aus der Nordpfalz. Auch aus Kaiserslautern, Mainz, Wiesbaden oder Ludwigshafen. Die Menschen sind begeistert – vom Gerät, aber vor allem vom Austausch.

ANTENNE: Was genau zeigt das Radiomuseum Nordpfalz?

Hermann Nagel: Es ist eine zeitgeschichtliche Sammlung von 1924 bis etwa 1970. Ich habe Detektorempfänger, Röhrenradios, Mikrofone, Telefone, Musikboxen, Mess- und Prüfgeräte. Sogar einen U-Boot-Empfänger. Dazu kommt ein Radio von Hans Bredow, dem „Vater des Deutschen Rundfunks“. Ich habe von vielen Geräten nur ein einziges Exemplar – das macht es besonders.

Das Radiomuseum Nordpfalz in Obermoschel

ANTENNE: Wie haben Sie die Sammlung aufgebaut?

Hermann Nagel: Meine erste Ausstellung war 1990. Meine Frau Isolde und ich haben in Banken, beim SWR und an anderen Orten ausgestellt. Ich habe Anzeigen geschaltet: „Suche alte Radios.“ Nach jeder Ausstellung kamen neue Geräte dazu. Ich habe nichts weggeworfen, sondern angenommen. Seit rund 15 oder 16 Jahren ist das Museum fest in Obermoschel.

ANTENNE: Sie haben einen U-Boot-Empfänger erwähnt. Was steckt dahinter?

Hermann Nagel: Ein Mann brachte mir ein Radio zur Reparatur. Er war so begeistert, dass er später wiederkam und mir den U-Boot-Empfänger verkaufte. Später stellte sich heraus, dass solche Geräte von der Wehrmacht beschlagnahmt wurden. Das ist eines meiner Highlights.

Technik zum Anfassen

ANTENNE: Gibt es auch Hörbeispiele?

Hermann Nagel: Ja. Ich führe zum Beispiel ein Standgrammophon aus den 1930er-Jahren vor. Früher musste man zwei Reichspfennige einwerfen, um die Schallplatte freizugeben. Das Gerät funktioniert noch. Es wurde mehrfach repariert, wird aber pfleglich behandelt. So erleben die Besucher Technikgeschichte direkt.

ANTENNE: Wie hat sich Radio vor 100 Jahren angehört?

Hermann Nagel: Ganz anders als heute. Es gab Mittel-, Lang- und Kurzwelle, kein UKW. Mehrere Sender lagen übereinander. Das Signal schwankte, es gab Fading, Pfeifen, Störungen. Man brauchte eine lange Antenne, oft von Baum zu Baum gespannt, und eine Erdung. Spule, Detektor, Drehkondensator – und Kopfhörer. Die Familie saß am Tisch, die Kinder mussten ruhig sein. Meist bestimmte der Vater das Programm.

ANTENNE: Was würden die Radiopioniere sagen, wenn sie heute ein Smartphone in die Hand bekämen?

Hermann Nagel: Ich bin überzeugt, sie wären sprachlos. Ein Weltempfänger in der Tasche – das hätte sich damals niemand vorstellen können.

ANTENNE: Was macht den Besuch in Obermoschel besonders?

Hermann Nagel: Das Gespräch. Jeder Besucher kommt mit anderen Fragen. Warum geht Musik durchs Kabel? Wie funktioniert ein Mikrofon? Energie wird nicht vernichtet, sondern umgewandelt. Wenn man das an einem Exponat erklären kann, bleibt es im Gedächtnis. Man nimmt etwas mit nach Hause.

Ein Museum mit Zukunft

ANTENNE: Wo genau befindet sich das Museum?

Hermann Nagel: Am Marktplatz 3 in Obermoschel. Geöffnet ist immer am zweiten Sonntag im Monat.

ANTENNE: Und wie lange wollen Sie weitermachen?

Hermann Nagel: Solange ich kann. Ohne meine Frau Isolde wäre ich nur die Hälfte wert. Wir möchten die Menschen weiterhin für das Medium Radio begeistern.

ANTENNE: Vielen Dank für das Gespräch.

Hermann Nagel: Ich bedanke mich herzlich.

Lena Winterfeld ist Redakteurin bei Rhein Nahe Direkt und Antenne Bad Kreuznach und schreibt unter anderem für die Bereiche Wirtschaft und Politik.

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