Alt-Oberbürgermeister Andreas Ludwig ist heute erstmals als echtes Bad Kreuznacher Gässjer aufgestanden. Beim kommunalen Frühschoppen im Naheweinzelt wurde der gebürtige Tiefensteiner gestern feierlich „entwanzt“.
Jahrmarktsbürgermeister Mirko Helmut Kohl führte in den historischen Brauch ein. Die Laudatio hielt Manfred Schäfer, der als gebürtiger Kreuznacher und Pate anschließend auch die eigentliche Zeremonie vollzog.
Was eine „Entwanzung“ bedeutet
Die Entwanzung ist ein humorvoller Kreuznacher Brauch. Menschen, die nicht in der Stadt geboren wurden, können dadurch einem gebürtigen Kreuznacher gleichgestellt werden.
Voraussetzung ist, dass die betreffende Person seit mindestens 20 Jahren in Bad Kreuznach lebt, sich erfolgreich in die Stadtgesellschaft integriert und für das Gemeinwesen engagiert.
Die Zeremonie muss von einem echten Gässjer übernommen werden. Der Pate hält die Laudatio und übergießt den Kandidaten anschließend mit Wasser aus der Nahe.
Manfred Schäfer gestaltete 25 Jahrmärkte
Mit Manfred Schäfer übernahm ein langjähriges Kreuznacher Jahrmarktsurgestein die Patenschaft. Er stammt aus einer alten Kreuznacher Familie und war bereits seit 1969 als Gewerbesachbearbeiter beim Ordnungsamt mit dem Volksfest verbunden.
Ab 1977 arbeitete Schäfer unmittelbar in der Jahrmarktsverwaltung – zunächst als Marktmeister und später als Leiter des Ordnungsamtes. Insgesamt wirkte er an der Gestaltung von 25 Kreuznacher Jahrmärkten mit.
Durch seine Kontakte konnte er immer wieder Schausteller mit neuen Fahrgeschäften für die Pfingstwiese gewinnen. Auch nach seinem Ausscheiden im Jahr 2008 sprang er noch einmal für einen erkrankten Marktmeister ein.
Schon als Kind auf der Pfingstwiese
Andreas Ludwig kommt ursprünglich aus Tiefenstein. Seine Begeisterung für Volksfeste begann nach Angaben seines Paten beim Idar-Obersteiner Spießbratenfest.
Bereits in den 1960er-Jahren besuchte er mit seiner Familie regelmäßig den Kreuznacher Jahrmarkt. Meist kamen sie sonntags sowie dienstags zum Abschlussfeuerwerk auf die Pfingstwiese.
Mit dem roten Fahrrad zum Jahrmarkt
Nach seinem Architekturstudium und dem zweiten Staatsexamen führte Ludwigs Berufsweg zunächst an die Südliche Weinstraße. Im Jahr 1995 kam er als Beigeordneter für Planen und Bauen nach Bad Kreuznach.
Kurz nach seinem Amtsantritt besuchte er die Jahrmarktseröffnung mit seinem roten Fahrrad. Familie Modis bot ihm hinter ihrem Mandelwagen einen Stellplatz an. Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute besteht und Ludwig später auch den Weg in die Kreuznacher Fastnacht eröffnete.
In der Stadt wurde er unter anderem wegen seiner Arbeit an der Verkehrsplanung und den zahlreichen Kreisverkehren als „Kreisel-Ludwig“ bekannt. Später wurde er zum Oberbürgermeister gewählt.
Olympiasieg als schönster beruflicher Moment
Als einen der schönsten Momente seiner beruflichen Laufbahn bezeichnete Ludwig ein Ereignis auf dem Jahrmarkt 2004. Damals konnte er bekannt geben, dass die Bad Kreuznacher Trampolinturnerin Anna Dogonadze bei den Olympischen Spielen in Athen die Goldmedaille gewonnen hatte.
Nach ihrer Rückkehr wurde sie in einem Triumphzug vom Frankfurter Flughafen zum Jahrmarkt begleitet und dort von Tausenden Menschen gefeiert. Dogonadze durfte anschließend das Feuerwerk freigeben.
Beim kommunalen Frühschoppen 2008 präsentierte Ludwig außerdem die olympische Medaillensammlung von Konrad Frey. Dazu gehörten drei Gold-, eine Silber- und zwei Bronzemedaillen.
Rheinland-Pfalz-Tag und Jahrmarktsjubiläum
Während seiner Amtszeit holte Ludwig den Rheinland-Pfalz-Tag 2009 nach Bad Kreuznach. Ein Jahr später wirkte er am Festzug und am Programm zum 200-jährigen Bestehen des Kreuznacher Jahrmarkts mit.
Nach dem Ende seiner beruflichen Tätigkeit in Bad Kreuznach im Jahr 2011 arbeitete er als Beigeordneter in Eisenach und Trier. Seine Familie blieb in Bad Kreuznach wohnen und Ludwig verlor durch zahlreiche Besuche nie den Kontakt zur Stadt.
Im Jahr 2023 kehrte er dauerhaft nach Bad Kreuznach zurück.
Zwei neue Ehrenämter übernommen
Inzwischen ist der frühere Oberbürgermeister erneut fest in das gesellschaftliche Leben der Stadt eingebunden. In diesem Jahr übernahm er den Vorsitz der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.
Außerdem steht Ludwig mittlerweile dem Freundeskreis Kreuznacher Jahrmarkt vor. Damit kann er sich auch weiterhin aktiv für eines seiner Lieblingsthemen einsetzen.
Wasser aus der Nahe, Urkunde und Ehrennadel
Als Taufspruch wählte Ludwig den Satz: „Handle stets so, wie du selbst behandelt werden möchtest.“ Anschließend vollzog Manfred Schäfer die Entwanzung mit Wasser aus der Nahe.
Der frisch ernannte Gässjer erhielt eine Urkunde und eine Ehrennadel. Damit sei er nun endlich auf einer Ebene mit seinen in Bad Kreuznach geborenen Kindern, erklärte Ludwig.
Er habe sich in der Stadt immer wohlgefühlt. Das Schönste an Bad Kreuznach sei und bleibe für ihn der Jahrmarkt.
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