Bad Kreuznach ist für viele Menschen mehr als nur ein Wohnort – es ist ein Ort des Ankommens. Genau darum geht es auch in der Arbeit der Interkulturellen Gemeinde „An Nahe und Glan“. Im Radiotalk „Nahe dran“ auf Antenne Bad Kreuznach sprach Pfarrerin Annalena Prott mit ANTENNE Moderator Patrick Berger über transkulturelles Zusammenleben, gesellschaftliche Verantwortung und konkrete Hilfe für Menschen in Krisengebieten. Ein Schwerpunkt des Gesprächs: die aktuelle Wachssammelaktion für die Ukraine.
Das Interview
ANTENNE: Annalena, du bist Pfarrerin der Interkulturellen Gemeinde „An Nahe und Glan“. Was genau steckt hinter diesem Projekt?
Annalena Prott: Die Interkulturelle Gemeinde ist ein Projekt des Evangelischen Kirchenkreises An Nahe und Glan mit Sitz in Bad Kreuznach. Gleichzeitig verstehen wir uns als Gemeinschaft. Wir nehmen die Herausforderungen, aber auch die Chancen ernst, die entstehen, wenn Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammenleben. Deshalb sprechen wir bewusst von transkulturell – also nicht nebeneinander, sondern miteinander.
ANTENNE: Der Schwerpunkt liegt stark auf Flüchtlingsarbeit.
Annalena Prott: Ja, das stimmt. Wir arbeiten eng mit „Aktiv für Flüchtlinge 2.0“ zusammen, dadurch ergibt sich dieser Fokus ganz automatisch. Viele Menschen, die zu uns kommen, haben Fluchterfahrungen. Sie suchen Orientierung, Gemeinschaft und einen Ort, an dem sie ernst genommen werden.
Aufbau, Wandel und Ehrenamt: Eine junge Gemeinde wächst
ANTENNE: Die Gemeinde ist noch vergleichsweise jung. Wie hat sie sich entwickelt?
Annalena Prott: Der Aufbau begann 2021. Nach einer Vakanzzeit wurde vieles neu entwickelt. Es gab Angebote wie interkulturelle Gottesdienste, Sprach- und Begegnungsformate. Auch Ehrenamtliche haben viel getragen. Ich selbst bin seit April 2024 dabei und habe die Arbeit als sehr intensiv erlebt – aber auch als unglaublich bereichernd.
ANTENNE: Ihr arbeitet heute in verschiedenen Teams. Warum dieser Ansatz?
Annalena Prott: Wir haben bewusst gefragt: Was wollen die Menschen selbst machen? Daraus sind Teams entstanden. Ein Beispiel ist das Team „Gemeinsam kochen“. Dort lernen Menschen über Essen andere Kulturen kennen. Es geht um Gemeinschaft, Austausch und ganz viel Miteinander.
Gebet und Seelsorge: Raum für Sorgen und Hoffnung
ANTENNE: Es gibt auch Teams für Freizeit und Spiritualität.
Annalena Prott: Genau. Andere Gruppen organisieren Spieleabende, Ausflüge oder Gespräche. Die Gebetsgruppe ist ebenfalls sehr wichtig. Dort finden Menschen einen Raum, um Sorgen zu teilen, gemeinsam zu beten und über das Weltgeschehen zu sprechen. Gerade für Menschen mit Familie in Krisenregionen ist das ein wichtiger Halt.
ANTENNE: Die Interkulturelle Gemeinde ist außerdem ein sogenannter Erprobungsraum. Was bedeutet das?
Annalena Prott: Ein Erprobungsraum heißt, Kirche neu zu denken. Nicht das Gebäude steht im Mittelpunkt, sondern die Lebensrealität der Menschen. Verantwortung wird geteilt, Ehrenamtliche gestalten aktiv mit und neue Formen von Gemeinschaft entstehen. Das hilft uns, nah an den Bedürfnissen der Menschen zu bleiben.
ANTENNE: Viele Gemeindemitglieder kommen aus dem Iran. Wie erlebst du die Situation aktuell?
Annalena Prott: Die Sorge ist groß. Viele hatten wochenlang keinen Kontakt zu ihren Familien. Diese Ungewissheit ist extrem belastend. Unsere Aufgabe ist es dann, zuzuhören, zu begleiten und Räume zu schaffen, in denen diese Sorgen Platz haben dürfen.
Wachsaktion für die Ukraine: Hilfe, die konkret ankommt
ANTENNE: Ein weiteres großes Thema ist die Ukraine. Ihr sammelt wieder Wachs. Wie kam es dazu?
Annalena Prott: Die Idee gibt es schon seit 2022. Nach einer Pause wurde ich immer wieder gefragt, ob wir noch Wachs sammeln. Die Nachfrage war so groß, dass wir gesagt haben: Ja, wir starten wieder. In der letzten Aktion kamen über zwei Tonnen Wachs zusammen – ein starkes Zeichen der Solidarität aus Bad Kreuznach und der Region.
ANTENNE: Wie hilft Wachs konkret in der Ukraine?
Annalena Prott: Daraus werden sogenannte Büchsenlichter hergestellt. Sie spenden Licht, Wärme und helfen beim Kochen – besonders wichtig, weil Stromversorgung gezielt angegriffen wird. Gerade im Winter ist das überlebenswichtig.
ANTENNE: Was wird aktuell gebraucht?
Annalena Prott: Vor allem Wachs- und Kerzenreste, bitte ohne Glas und Umhüllung. Außerdem Bettwäsche für Krankenhäuser – also Laken sowie Kissen- und Plumeaubezüge. Kleidung können wir nicht annehmen. Zusätzlich werden unter anderem Verbandsmaterial, Kfz-Verbandskästen, Reißverschlüsse, Klettverschlüsse, Wolle, weißes Gummiband und auch Geldspenden für den Transport benötigt.
ANTENNE: Wo können die Spenden abgegeben werden?
Annalena Prott: Bis zum 30. Juni 2026 in der Kurhausstraße 6 in Bad Kreuznach – montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr, freitags von 9 bis 13 Uhr.
ANTENNE: Vielen Dank für das Gespräch.
Annalena Prott: Sehr gerne.
Das komplette Interview können Sie HIER IM PODCAST hören.